Tagesanbruch Blinzelnd
öffne ich die Augen: Ein fahler Lichtschein zeigt sich zwischen den Schlitzen
der Jalousie. Meine Hand tastet nach dem Reisewecker: 7.57 Uhr zeigt er an. Ich
schwinge die Beine aus dem Bett, taste mit den Füßen nach den Sandalen, die ich
nicht finde. Also nicht - es muß auch so gehen bei meinem Vorhaben. Gähnen, kurz
Strecken und Recken, dann greife ich nach dem bereitgelegten Fotoapparat und öffne
behutsam meine Zimmertür. Es ist still im ganzen Haus - die anderen schlafen wohl
noch. Leise tapse ich barfuß durch die Wohndiele zur Außentür. Ich bemühe
mich, den Schnappriegel ohne Geräusch zu betätigen. Geklappt! Jetzt bin ich draußen
auf der kleinen Terrasse vor der Wendeltreppe zum Dach. Zwei Schritte - dann fühlen
sich die Holztritte kühl an unter meinen bloßen Füßen - wie schnell wird sich
das im Laufe des Tages ändern, wenn die Sonne erst mal ihren Lauf beginnt. Um
diesen Beginn zu beobachten und festzuhalten, bin ich unterwegs. Tief durchatmend
komme ich oben an. Die Fliesen der Dachterrasse sind noch kühler als die Bohlen
der Treppe; ich hätte doch meine Schlappen suchen sollen. Leicht fröstelnd wickele
ich das Schlafshirt etwas enger. Der Lichtschein des beginnenden Tages ist schon
etwas heller geworden - bald wird es auch wärmer sein. Ich lehne meine Arme
auf die Balustrade. Unter mir - direkt vor dem Haus - der Strand - menschenleer
-. Die Straßenlaternen der Promenade sind noch an - jetzt gehen sie pünktlich
aus: 8.00 Uhr. Und diese Stille! Ich schaue hinüber zum Wasser: Die Oberfläche
des Mar menor ist - wie oft in dieser Frühe - spiegelglatt. Das macht diese Ruhe
vollkommen - es scheint, daß sogar die Wellen noch schlafen. Es wird zunehmend
heller. Mein Blick richtet sich über das Wasser - etwas nach rechts - rüber zu
La Manga und sucht die ersten Anzeichen. Ja, da sind sie: Ein zartes rosa
Schimmern über dem Streifen Grau am Horizont direkt über dem Meer und die ersten
zwei, drei Vögel, die kreuz und quer über den Strand und das Wasser durch die
klare Luft flitzen und mit ihren Rufen den kommenden Tag begrüßen. Das Schimmern
wird intensiver, fast schon gleißend darüber ein schmaler heller Streifen, während
sich einige Wolkenfetzen im Blau des Himmels erst vom Grau mit Minute zu Minute
stärker rosa/rot angehaucht einfärben. Dann ist das Rot da - über dem Wasser -
erst eine kleine rote Kuppe, die breiter, höher, farbintensiver wird. Die Wasseroberfläche
davor bekommt einen Hauch von diesem Rot mit. Dann steigt mehr und mehr die aufgehende
Sonne empor, zuletzt mit einem kleinen Hupfer. Sie macht einen richtigen Satz
nach oben und schwebt wie ein dicker, roter Ball über dem Horizont am Himmel.
Das Gleißen und Lodern wird so stark, dass ich die Augen schließen muß. Auf
meinem Gesicht treffen die ersten Wärmestrahlen ein. Ich öffne die Augen wieder.
Jetzt ist es schon richtig hell, die Sonne kann ich nur noch blinzelnd anschauen.
Es ist Morgen im ATZ am Mar Menor. Das Fotografieren habe ich total vergessen.
(im Okt.1998) | |