Gast
für einen Winter
Anfang der 80er Jahre war
es, genaues Datum weiss ich nicht mehr; doch da hatten wir noch unseren Kater
W I N N I - benannt nach einer damaligen
Kindersendung, die, der heutigen Sprach-Vorliebe nachempfunden, geradezu ein sogenannter
"Hit" war - "Winni, das Fernsehhexchen" -, also zu der Zeit.
Es war schon spät im November. Ich war mit dem Auto abends noch unterwegs.
Da - im Scheinwerferlicht: Ein Igel mitten auf der Fahrbahn. Ich konnte den Wagen
grade noch so lenken, dass zwischen ihm und den Rädern rechts und links hoffentlich
genug Platz war. Als ich über ihm vorüber war, parkte ich den Wagen
am Straßenrand, stieg aus und ging klopfenden Herzens die paar Schritte
zurück. Und wie vermutet ..... da lag die kleine Stachelkugel, zusammengerollt
- so nach dem Motto: "Mir kann so nichts passieren". Es war ihm auch nichts passiert.
Hach.... wie war ich erleichtert! Es war gewiss kein Zufall, dass ich grade mal
zwei Tage zuvor in der Tageszeitung einen Beitrag über den NABU (Naturschutzbund)
und Igel-Pflege-Stationen gelesen hatte. Ich ging zum Wagen zurück und
holte aus dem Kofferraum den Einkaufskorb und einige Putzlappen. Mit denen bugsierte
ich das Igelchen in den Einkaufkorb, den ich vorne vor den Beifahrersitz auf dem
Boden plazierte. Dann machte ich, dass ich nach Hause kam, bevor der neue Hausgenosse
auf Zeit Gelegenheit bekam, aus dem Korb zu krabbeln. Zu Hause dauerte
es in der Wärme der Wohnung auch nicht lange und der kleine Wicht wurde
wieder munter und wollte die Situation auskundschaften. Dabei hatte ich Gelegenheit
zu kontrollieren, ob er verletzt war. Gut, es war
alles in Ordnung und so bekam er jetzt zuerst ein wenig körnigen Frischkäse.
Es war das Passendste, was ich für ihn im Hause hatte und offensichtlich
mundete der ihm auch, wohl vernehmbar am deutlichen Schmatzen. Im Keller richtete
ich ihm noch einen grossen Pappkarton mit
etwas Katzenstreu und viel zerknautschtem Zeitungspapier als Nachtlager ein.
Die weitere Inspektion des kleinen Übernachtungsgastes am nächsten
Morgen veranlasste mich dann zu dem folgenden Vorgehen: Dieser kleine Igel, sicherlich
unter-Hand-Grösse, der kam bestimmt nicht durch den Winter und so stellte
ich mich mitsamt diesem jetzt wieder kugelförmigen stacheligen, vorsichtig
in ein Handtuch gehüllten, kleinen Kerlchen zuerst mal auf die Waage, zog
anschließend das Gewicht des Handtuchs und mein eigenes ab und hatte die
kümmerlichen Gramm, mit denen er nie und nimmer durch den Winter gekommen
wäre. Also hieß es, ihn durchzufüttern.
Da er sich
ständig kratzte, war er wahrscheinlich voller Flöhe, ....... hmmmm ......
, so bestand jetzt auch irgendwie Handlungsbedarf und deswegen gab es eine ausgiebige
ganz sanfte Dusche, dann wurde vorsichtig gefönt: Was war das eine Prozedur,
aber wir haben's beide überlebt. *lm Nachhinein mich noch kugele vor Lachen*.
NABU-Spezialisten und sogenannten professionellen Tierfreunden stehen jetzt sicherlich
die Haare zu Berge, aber der Einsatz von chemischen Insektiziden kam wegen meiner
damaligen Empfindlichkeit auf all diese Substanzen auch zu dieser Zeit schon nicht
mehr in Frage. Und wie der weitere Verlauf zeigte, war auch dieser Chemie-Einsatz
völlig überflüssig, das Kratzen war nicht mehr zu beobachten.
Ab dem nächsten Tag brachte ich ihm dann regelmäßig vom Metzger
ein wenig Tartar mit, das er bis auf den letzten Krümel verputzte, bis eines
Abends.....: Alles war schon still im Haus. Ich hatte mir grade in aller Ruhe
nochmal die Tages-Zeitung vorgenommen. Da hörte ich aus dem Keller
ein seltsames Geräusch, irgendwie erinnerte es an Fauchen, oder so! Ich
schlich die Treppe runter, öffnete die angelehnte Tür vorsichtig und
mir blieb fast die Luft weg vor Lachen über das Bild, das sich mir bot:
Da hatte es der kleine Wicht geschafft, aus seiner Kiste herauszukrabbeln,
sass jetzt mitten im Katzenfutter-Teller, schmatzte hörbar und ließ
sich Wiskas schmecken.

Und Winni?
Winni stand davor, mit blutender Nase und fauchend wie nie
zuvor von ihm mit solcher Intensität vernommen, an Größe und Umfang
furchterregend aufgeplustert und mit doppelt so dickem Schwanz. Von da
an wurden die Tartarkäufe beim Metzger eingestellt und stattdessen etwas
mehr an Katzenfutter geordert. Jeder bekam seinen eigenen Napf und es herrschte
fortan Waffenstillstand. Beide schmatzten um die Wette.
Zeitweise, tagelang
hörten wir nichts von ihm, nur sein leises Schnarchen und ab und an sein
Schmatzen, wenn er sich mal wieder am Katzenfutter für die nächste Schlafphase
stärkte. Das war dann die Gelegenheit, bei der ich mir schnell seine Kiste
vornahm und die Streu und das Papier austauschte: Puh, so ein kleiner Kerl und
so ein Gestank!
 So
verging der Winter.
Und als das Frühjahr
kam, wurde unser Wintergast im Garten in die Freiheit entlassen, wo er in der
ersten Zeit noch seinen Napf mit Futter aufsuchte, hier und da abends im Gebüsch
rumraschelte und eines Tages war er fort. © La Loba, Overath, 20.
Februar 2006
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